23. Dezember 2012 7 23 /12 /Dezember /2012 10:08

 

Leise rieselt der Schnee. Wie kitschig ist das denn, denkt sich Bella. Dabei ist dieses Fest alles andere als beschaulich, schön. Es ist Heilig Abend, und es schneit wie aus dem Bilderbuch, doch ihre Stimmung ist völlig im Keller. Wozu das alles. Da macht man auf heile Welt, tut schön, eia popeiea – aber das Leben ist doch ganz anders. Nichts ist in Ordnung, kein Grund zur Freude, wenn man gerade erfahren hat das der Job auf der Kippe steht und der Freund wohl anderweitig interessiert ist. Jedenfalls denkt Bella das, weil sie einen komischen Notizzettel bei Joe fand, auf dem stand: freu mich auf das Treffen, bis dahin einen dicken Kuss, Julie.

Wie soll man sowas auch verstehen. Am liebsten würde sie davonlaufen, irgendwohin, keinen sehen, nix mit freudiger Weihnachtsfeier, lasst mich doch alle in Ruhe!

 

Seufz. Ach Mist, was soll ich blos tun? fragt sich Bella. Ihn ansprechen? Dann weiß er das ich das gesehen habe. So tun als wäre nichts? Nee, gefällt ihr auch nicht. Aber was sonst? Einfach abhauen, wegfahren, weit weg, von all dem? Das blöde ist nur, hinterher ist immer noch alles genau so.

 

Bella ist zu Hause, macht sich erst mal einen Tee, setzt sich aufs Sofa und überlegt. Noch ist es früher Nachmittag, also hat sie etwas Zeit zu überlegen. Aber alle Gedanken führen in eine Sackgasse. Irgendwie kommt sie nicht weiter. Die Teekanne ist leer, und Bella steht auf, und fühlt in sich so klar, es ist Zeit, eine Entscheidung zu treffen. Zum ersten Mal fragt sie sich, was Sie eigentlich will. Bisher war es immer so, das sie überlegte, was die andern wollen. Doch diesmal ist es anders. Was will ich denn? ist die Frage in Bellas Herzen. Sie tritt ans Fenster, schaut hinaus, sieht die leise dahingleitenden Schneeflocken, die so friedlich, leise, sachte auf die Erde fallen. Die alles zudecken, wie mit einem samtenen weißen Mantel, der alles einhüllt, und in Stille packt. Auf einmal sind ihr die dahinhetzenden Menschen unten auf der Straße egal. In ihr ist etwas anderes, neues, freudiges. Da breitete sich ein Gefühl aus, das neu ist, doch irgendwie kennt sie es, weiß, es ist lange her, und dann erkennt sie es : es ist Weihnachten, Heiliger Abend, und damit ist alles anders.

In ihr werden Erinnerungen wach, ein Gefühl von Zuhause, von Geborgenheit, Nähe, Freude, Spielen, Lachen, und so viel Unbeschwertheit. Warum kann das Leben nicht so bleiben wie damals, als Kind, da war alles einfach, leicht. Bella seufzt, und fragt sich, wo ist ihre Unbeschwertheit blos hin? Hat sie die verloren, für immer? Und in ihr ist ein Gedanke, sie lächelt, und denkt dann, was solls, ja, das mach ich.

Und sie zieht sich an, Anorak, Mütze, Handschuhe, Stiefel, dazu noch ein dicker Schal, und so tritt sie hinaus auf die Straße, gerade als es dämmerig wird. Sie will das nochmal fühlen, wie das war, als Kind, einfach so draußen zu sein im Schnee, unbeschwert. Soll doch werden was will, ihr ist in diesem Moment egal was andere denken.

 

So läuft sie hinaus, schneller und schneller, in den Forst, in dem die Hügel sind, wo sie als Kind immer heruntergesaust ist, auf dem Schlitten. Den hat sie zwar nicht, doch das ist ihr gleich. Und als sie mit geröteten Wangen dort ankommt, steht sie da, schaut hinunter, und erinnert sich wie es war. Außer ihr ist niemand dort, alle scheinen beschäftigt zu sein, und für einen winzigen Moment fühlt sie sich traurig. Doch sie schiebt das beiseite, und weil ja keiner da ist, wirft sie sich in den Schnee und kullert den sachten Hang hinunter. Und lacht und lacht, hat Schnee im Gesicht, und freut sich, wie sie es als Kind erlebt hat.

 

Dann liegt sie da, im Schnee, macht mit ihren Armen Engelsflügel, und schaut in die herabfallenden Schneeflocken die sie im Gesicht kitzeln. Und da beugt sich ein Gesicht über sie – ein sehr sympathisches Gesicht, wie sie bemerkt, und fragt kurz „alles in Ordnung?“ und Bella muss lachen, und sagt laut „Jaaa“, denn es ist alles in Ordnung. Sie steht auf, klopft sich den Schnee von den Klamotten, und vor ihr steht ein sehr netter Mann, der sie anlächelt. „Na, dann ist es ja gut“ sagt er, „ich dacht bloß, vielleicht … hm, naja, sind sie gefallen..“ er wirkt etwas verlegen, und Bella lacht laut, weil sie erkennt, wie das wohl ausgesehen haben muss. „Nee, alles ist gut“ sagt sie, „mir war danach, ich war als Kind oft hier, und bin herunter gesaust, und …“ - ihr gehen die Worte aus. Sie schaut in zwei sehr strahlende Augen, und weiß nicht mehr was sie sagen soll. Und irgendwie kommt der Typ ihr bekannt vor, aber wer....

Ihm scheint es ähnlich zu gehen, er mustert sie, und sagt „ich weiß das klingt abgedroschen, doch kennen wir uns irgendwoher?“ und Bella antwortet schnell „ja, dacht ich auch gerade..“ und er mustert sie weiterhin. Es ist etwas komisch, peinlich, für einen kleinen Augenblick, doch dann sagt er „Bella?“ und holt tief Luft, „bist du das?“ und da erinnert sie sich, klar, das ist Thomas, der von gegenüber, damals, meine Güte, puhh, er ist ja echt ein... Bella traut sich gar nicht das zu denken. „Thomas?“ fragt sie vorsichtig, und er strahlt sie an, „ja, genau, der bin ich“ und „ist ja toll dich hier zu treffen. Meine Güte, wir haben uns ja ewig nicht mehr gesehen. Was machst du hier?“ fragt er. Bella weiß nicht was sie sagen soll. Doch dann entscheidet sie sich, einfach zu sagen was los ist. „ach weißt du, bei mir fällt grad alles auseinander, und das heute, an Weihnachten. Ich bin einfach raus und auf einmal war ich hier, und hab mich erinnert wie ich hier den Hang hinunter gerodelt bin, und, naja.“ sie wird verlegen. Thomas scheint es zu merken, denn er fällt ihr ins Wort, „ist ja wunderbar, ich freu mich echt, dich mal wieder zu treffen. Ich wusste nicht was ich machen sollte, und so bin ich hier her, ich hab keine Familie mehr, und an solchen Tagen, naja, weißt du … „ er macht eine Pause, „da ist es manchmal nicht so einfach. Meine Eltern sind schon ne Weile tot, und ich lebe alleine, und Weihnachten, da gehen mir die anderen auf die Nerven, mit ihren Familienidyllen. Deshalb bin ich hier“ und er schaut auf den Boden. Bella wird es warm, weil sie so gut nachempfinden kann, wie Thomas sich fühlt. Und das sagt sie ihm.

Thomas ist überrascht, und dann strahlt er sie wieder an, und sagt „was hältst du davon, wenn wir beide zu Guiseppe gehen, der hat ein Lokal, und heute geöffnet, wir könnt was essen und ich würde mich so freuen, wenn du mir erzählst, was du so alles erlebt hast, es sei denn … du hast was anders vor?“ Seine Unsicherheit ist klar zu fühlen, anscheinend denkt er, sie hätte ihre Familie oder einen Freund oder Mann.

Bella schmunzelt, denn sie merkt es sehr wohl, was in ihm vorgeht. Und dann lacht sie, und sagt „Thomas, gerne, setzen wir uns da rein, essen, feiern und reden, ja, ich freu mich, dich hier wieder getroffen zu haben. Ich hab auch nichts anderes vor, und eine gute Pizza finde ich als Weihnachtsessen durchaus passend“.

 

Thomas strahlt sie an, und beide laufen nebeneinander in Richtung der Lichter, und Bella ist auf einmal ganz leicht ums Herz, und sie schüttelt fast unmerklich den Kopf, wie schnell sich doch alles ändern kann.

 

 

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Published by Kristallherz
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Kommentare

Lisi 23/12/2012

Ja, wenn man wirklich losläßt, kann alles passieren.....

Diese hübsche Geschichte hast bestimmt Du geschrieben?
Danke und frohe Weihnachten!

elfe 23/12/2012

Liebe Ingrid, danke für diese wundervolle Geschichte... hast die wohl auch ein bissi für mich geschrieben... wo ich doch auch mein Leben jetzt vollkommen selbst in die Hand nehmen lernen muß.....

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  • Ich tauche in die Mysterien ein um sie zu erfahren, für mich, und damit für alle!
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Mein Roman, erschienen im Wagner Verlag, link 

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